Dienstag, 23. Juni 20:40
Es passt irgendwie nicht so ganz zusammen. Wäre ich im Kino, würde ich meinen, es handelt sich um eine gewollte Schere zwischen Bild und Ton. Es wird jemand bestialisch ermordet und dazu hört man den Vogerltanz.
Es gab da eine gewisse Unschönheit am Rande eines Fußballmatches. Das Spiel war, so wie derzeit verordnet, ein Geisterspiel. Das heißt, es wurde gespielt, aber ohne Zuschauer. Vor dem Spiel dürfen die Fans das Stadion kurz betreten und ihre Fahnen und Transparente aufhängen. Was sie auch getan haben. (Ich habe Teile von dem Spiel gesehen, weil ich wissen wollte, wie sich ein Spiel ohne Publikum »anfühlt«...)

Am nächsten Tag ist der Eklat komplett. Man hatte ein langes Transparent aufgehängt, auf dem zu lesen war: »A STADION MIT LEEREN PLÄTZEN IS WIE A SCHIACHE OIDE WETZEN -12-«. Die Übersetzung ins Deutsche: »Ein Stadion mit leeren Plätzen ist wie Geschlechtsverkehr mit einer hässlichen Frau.« Ich habe das Transparent während des Spiels nicht bemerkt, angeblich war es da aber auch bereits abgehängt.

Ist das sexistisch, frauenfeindlich und chauvinistisch? Ja, gar keine Frage.
Es ist so eine Art von Spruch, die ich, wenn überhaupt, nur von einer sehr unangenehmen Art von Männern hören kann – denen ich, so möglich, gerne aus dem Weg gehe.
Ich komme also mit solcher Art von Sprüchen praktisch nicht in Berührung.

Dennoch kann ich mich über so etwas aber auch in keiner Weise erzürnen. Solche Sprüche kommen von Männern, von denen ich kaum etwas anderes erwarte. Ganz ehrlich, da finde ich es schon ziemlich toll, dass sie schrieben: »... mit leeren Plätzen...«, denn wo das herkommt, hätte ich eher auf: »... mit leere Plätze...« getippt. Aber vielleicht geschah das ohnehin nur in Bezugnahme auf einen gelungenen Reim.

Also alles ist klar. So ein Transparent ist ekelhaft und lächerlich. Und genau deshalb kommt mir der große Skandal um dieses Transparent – das ja anscheinend ohnehin nicht im TV zu sehen war – so lächerlich vor.
Wie wenn man mit so einem Skandal zeigen möchte, wie hoch-anständig man eigentlich ist. Welchen hohen moralischen Vorstellungen man in Wahrheit gerecht werden möchte.

Wenn es sich tatsächlich so verhalten würde, dass solch ein Transparent eine (ehrlich gemeinte!) Sexismus-Debatte auslösen kann, dann aber müssten wir diese schon an ganz anderen Orten führen. Sicher die Hälfte aller Songtexte aus dem Radio sind meiner Meinung nach zumindest zu hinterfragen, das TV-Programm sowieso und in den Sozialen Medien kommt mir auch oft ein nicht korrektes Bild unserer Gesellschaft vor Augen. Oder fangen wir ganz einfach beim gleichen Gehalt für gleiche Arbeit für Männer und Frauen an. Wieso erklärt sich also der große Unterschied? Warum ist es zum Beispiel legitim, Frauen in der Rap-Musik und/oder in der politischen Landschaft zu degradieren aber nicht am Transparent im Fußball-Stadion?

Wir sind halt doch eine sehr bigotte Gesellschaft. Der Rapper, der da gar nicht mehr von Frauen singt sondern oft nur mehr von weiblichen Körperteilen, der macht eben damit sehr viel Geld. Und dann ist das natürlich etwas ganz anderes. Oder der Politiker, der da eine Frau öffentlich ein »widerwärtiges Luder« nennt, der ist eben Vize-Landeshauptmann, da darf man das auch. Und die Gesetze zur Gleichberechtigung, die brauchen eben ein wenig Zeit. Die Aufklärung ist erst ein paar Jahrhunderte her, das Grundprinzip der unantastbaren Würde des Menschen (also Männer und Frauen) gilt erst seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts oder so. Da darf man halt nichts übereilen. Da kommt es inzwischen ganz gut (und beruhigt die Situation), wenn man sich über ein Transparent aufregt...

4 Kommentare


(C) mArtin, im Juli 2020.
Und ich bin wirklich nicht immer stolz darauf.
Manchmal aber sehr wohl.


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