Freitag, 08. Mai 20:50
Heute vor 75 Jahren endete – ich glaube so gegen 23:00 Uhr – offiziell der Zweite Weltkrieg. 60 Millionen ermordete Menschen, Europa de facto zerstört, das Deutsche Reich – endlich – an seinem Ende angelangt.
Was haben wir daraus gelernt?

Diese Frage höre ich in der vergangenen Woche recht oft. Was also haben wir wirklich daraus gelernt? Als jemand, der Krieg nur aus Dokumentationen kennt, ... darf ich mir da überhaupt ein Urteil erlauben? Ich weiß es noch genau, es gab einen einzigen Moment in meinem Leben, als ich so etwas ähnliches wie Furcht vor Krieg verspürt habe. Es war in den 90er Jahren, ich war mit dem Auto auf Dienstreise in Kärnten, da hörte ich in den Nachrichten, dass der Krieg in Yugoslawien begonnen hätte. Schlagartig wurde mir damals bewusst, dass ich nur wenige Kilometer von kriegerischen Handlungen entfernt war. Nur wenige Kilometer und trotzdem unendlich weit weg.
Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir über das Geschenk, so unendlich privilegiert in diesem seit Jahren friedlichen Land geboren worden zu sein, bewusst wurde.

Ich lebe seit 55 Jahren in Frieden und Wohlstand. Ich lebe mein Leben in einer derart speziellen Art, wie man es nicht in vielen Ländern dieser Welt so ohne weiteres tun könnte. Ich lebe in einer vollständigen Demokratie – auch damit hatte ich absolutes Glück: Lediglich 22 wirklich vollständige Demokratien gibt es derzeit auf der Welt. Ich lebe genau so, wie ich es gerne möchte. Wie viele Menschen auf der Welt können das so behaupten? Es sind nicht so viele, dessen bin ich mir bewusst.

Also. Haben wir etwas aus unserer Geschichte gelernt?

Ich weiß es nicht. Manchmal scheint es mir, als ob die Antwort eher ein Nein wäre. Wenn ich zum Beispiel in einer privat geführten Diskussion über Nationalstolz und andere chauvinistische Unarten mein Gegenüber darüber aufklären muss, dass Hitler nicht einfach  d a  war, sondern von einem Volk so richtig demokratisch gewählt wurde. Und zwar bei der letzten Wahl – bevor er mehr oder weniger alle Parteien aufgelöst hat – mit einer überwältigenden Mehrheit von 43%.

Wenn ich mir Wahlergebnisse von FPÖ, AfD, PiS, Fidesz und ähnlich gelagerten Parteien innerhalb der EU ansehe – oder auch die Wahlerfolge von Trump, Bolsonaro und ähnlichen Leuten, dann kann ich doch nicht mit gutem Gewissen behaupten, dass wir aus zwei Weltkriegen und einem menschenverachtendem Regime etwas gelernt hätten.

Wir befinden uns eigentlich immer ein wenig im Jahr 1932, kurz vor der Machtübernahme und sollten auch immer ein wenig hellhörig sein. Wenn es jemand zu gut mit uns meint, wenn jemand die Lösung für alle Probleme kennt, wenn jemand goldene Zeiten prophezeit, wenn jemand meint, durch Benachteiligung von anderen Menschen sei etwas zu gewinnen – immer dann sollten wir sehr hellhörig sein.
Wir sollten, sind es aber nicht. Der eigene Vorteil wiegt bei uns Menschen immer noch sehr viel. Da ist einem eben das Hemd näher als die Hose – oder wie auch immer dieser Spruch genau lautet.

Ich werde also vielleicht der letzten (und einzigen) Generation angehören, die in Mitteleuropa ein ganzes Leben völlig ohne Krieg erlebt hat.
Wenn wir uns nicht irgendwie doch erinnern, sehr anstrengen, und aus dem, was heute vor 75 Jahren endete, lernen.

1 Kommentare


(C) mArtin, im Juni 2020.
Und ich bin wirklich nicht immer stolz darauf.
Manchmal aber sehr wohl.


Da einige meiner Texte ohnehin bereits an anderer Stelle verwendet wurden/werden, dürfen sie also unter Angabe der Quelle auszugsweise verwendet werden. Bitte aber den passenden Link zum entsprechenden Beitrag im Rahmen der Zitat-Kennzeichnung kopieren und einfügen. Denn irgendwann möchte ich auch reich und berühmt werden. Oder auch nicht. Herzlichen Dank und weiterhin viel (Lese-)Freude!