Donnerstag, 05. Juli 19:50
Ich höre eine Radio-Dokumentation zum Thema: (gelungene) Architektur. Ein Thema, welches mich grundsätzlich interessiert, denn ich ahne oder vielmehr: weiß, dass meine Vorstellung von gelungener Architektur zumeist relativ stark von jener eines Architekten abweicht. Die zahlreichen Häuser, die in meiner Gegend neu gebaut werden, zeigen mir dies ziemlich deutlich. Mir scheint da die hauptsächliche Devise der beteiligten Architekten zu sein: »Wir scheißen alles zu mit Beton!« oder »Natur ist Scheiße!«. Je nachdem halt, aus welcher Sicht man das betrachten mag.

In der Doku spricht der ausführende Architekt nun von früheren Zeiten, von den 50er Jahren. Da gäbe es in Wien eine Sozialsiedlung, die so wunderbar gebaut wurde, dass man eine 4-köpfige Familie auf 40 m² ganz locker unterbringen konnte. Dabei hätte der ur-geniale Architekt erstmals die (Tages-)Zeit miteinbezogen. Man brauche ja in der Nacht eh gar nichts – und das, was man am Tag brauche, ist so wenig, das könne man gut in die Wohnung integrieren.
Ein O-Ton dazu: »Also die Oabeiter, die do einziagn, brauch'n jo eigentlich kane Möbel mehr...« – und der Architekt ist bei diesen Worten total aus dem Häuschen.

Betrachtet man diesen Satz etwas genauer, dann lässt er doch ein paar grauslichgrauslich


Eigentlich »grauenhaft« - aber dann doch wieder nicht. Grauenhaft ist in seiner Bestimmung doch ziemlich eindeutig. »Grauslich« hingegen kann von wahrhaftig »grauenhaft« bis hin zu »nur ein wenig ungut« alles bedeuten.

Sehr oft auch dafür verwendet, um dem Gegenüber mitzuteilen, dass dieses eben ein wenig verletzend zu einem war: »Geh bitte, sei net so grauslich zu mir...«
e Schlüsse zu, wie etwa: Der Arbeiter, der mit seiner Familie in die 40 m² durchorganisierter Feststofflichkeit einzieht, wird dort sozusagen platzsparend verwahrt. Ein Arbeiter hat doch – seien wir einmal ehrlich – gar keine weiteren Bedürfnisse, als dann, wenn er sich nicht an seinem Arbeitsplatz befindet, gut organisiert gelagert zu werden, oder?!

Der Architekt hört sich auch genau so an, wie sich das liest. Er zeigt nicht einmal das geringste Interesse daran, ob der Arbeiter und seine Angehörigen nun auch so etwas wie Glück in der frisch gestrichenen Sardinenbüchse empfinden könnten. Freilich, für einen Arbeiter, der mit seiner 4-köpfigen Familie aus einem 10 m² Kellerloch kommt, ist das sehr wohl eine Verbesserung, dennoch kann man es – 50er Jahre hin oder her – nur als Zwischenschritt und nicht als Dauerlösung ansehen, möchte man sich als soziale Demokratie bezeichnen.

Das war (und ist) aber in Wien nicht wirklich so. Sonst gäbe es in dieser Stadt nicht die ziemlich starke Segregation, (die allerdings überall heftigst bestritten wird). Die soziale Durchmischung von Stadtteilen wird in unzähligen wissenschaftlichen Empfehlungen aus der ganzen Welt als beste Möglichkeit gepriesen, allzu große soziale Ungerechtigkeiten zu unterbinden. Und in Wien? Jeder (Wiener) kann es für sich selber nachprüfen. Man soll sich nur einmal ganz leise selber fragen, in welchen Bezirken man lieber nicht wohnen/leben möchte – und schon kommt bei praktisch jedem eine ordentlich lange Liste zusammen...

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(C) mArtin, im November 2018.
Und ich bin wirklich nicht immer stolz darauf.
Manchmal aber sehr wohl.


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